Rückgang der Realwirtschaft und das Verhalten der Haushalte

Die Auswirkungen des Lockdowns werden jetzt nicht nur im persönlichen Alltag bemerkbar, sondern auch in den Wirtschaftszahlen. Die Prognosen zum Bruttoinlands (BIP)-Rückgang für 2020 schwanken zwischen 5% und 50%, die Zahl von 10 Mio. Kurzarbeitern im April spricht auch eine deutliche Sprache. Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf die erwarteten Kreditverluste habe ich in meinem letzten Beitrag analysiert. Zuverlässige Zahlen zu Anzahl und Volumen dazu werden wohl Ende Juni vorliegen.

In dieser Situation richtet sich der Blick auch darauf, wie es denn weitergehen wird. Analog zu der großen Bandbreite des erwarteten BIP-Rückgangs gibt es hier verschiedene Ansätze, die mit den Buchstaben V, U oder L illustriert werden.

Eine V-förmige Entwicklung beschreibt ein Szenario, bei dem auf einen starken Absturz nach einer kurzen Zeit ein vergleichbar steiler Anstieg zurück auf das alte Niveau erfolgen wird. Das ist ein optimistisches Szenario, auf das aus nachvollziehbaren Gründen fast alle hoffen.

Weniger optimistisch ist das U Szenario. Nach dem Abstieg muss erst eine Talsohle durchlaufen werden, bevor es wieder einen Anstieg gibt. Weil lange dieser Zeitraum ist wird unterschiedlich interpretiert. Wichtig ist, dass am Ende wieder mit einem Anstieg gerechnet wird. Genau darin unterscheidet es sich vom L-Szenario. Hier wird nicht davon ausgegangen, dass sich die Wirtschaft wieder auf das Niveau vor dem Absturz zurückbewegen wird. Meist werden von Vertretern des L-Szenarios grundlegende Änderungen (oftmals auch politischer Natur) angemahnt, ohne die eine Erholung nicht möglich sein wird. Nachfolgend finden Sie ein paar Denkanstöße zur Ihrer Erwartungsbildung über den wohl wahrscheinlichsten „Buchstaben“.

Der Gütermarktschock führt zu einem Rückgang des Einkommens

Um auch im Krisenmodus einen Überblick zu haben, ist es hilfreich, die Dinge erstmal auf radikal einfache Modellannahmen zu reduzieren. Der Gütermarktschock führt zu einem Rückgang des Einkommens. Für Haushalte gibt es eine einfache Gleichung:

Y ist das Einkommen, C ist der Konsum und S die Ersparnis (Konsumverzicht)

Wenn Y sinkt, müssen entweder der Konsum oder die Ersparnis oder auch beides sinken. Ein starker Rückgang des Einkommens kann auch dazu führen, dass die Ersparnis negativ wird, um ein bestimmtes Konsumniveau realisieren zu können. Die negative Ersparnis kann aus Konsumverzicht aus Vorperioden, oder aus dem Konsumverzicht in künftigen Perioden, also durch Verschuldung, dargestellt werden. Neben individuellen Präferenzen spielt der Preis für den Konsumverzicht eine entscheidende Rolle für das Verhalten der Haushalte.

An dieser Stelle muss man auch nochmal den Blick auf meinen Artikel zu den erwarteten Kreditausfällen richten. Das Haushaltseinkommen restringiert die Ausgaben, ein Sinken kann zu einem Ausfall eines Kredites oder zumindest zu einer Umgestaltung der Darlehnsverpflichtung führen, wenn S=0 und DY >DC ist, also der Konsum nicht weiter eingeschränkt werden kann.

Zurückhaltendes Nachfrageverhalten

Für die Analyse des Nachfrageverhaltens spielen zwei Dinge eine wesentliche Rolle: die empirisch klar beobachtbaren Tendenzen der Haushalte zur Konsumverstetigung und die Preiserwartungen für die nachgefragten Güter. Die Konsumverstetigung wird aus den Einkommenserwartungen gebildet. Ein Absinken des Einkommens und große Unsicherheit darüber, wann das Einkommen wieder steigen wird, führen zu großen Anpassungen des Konsumverhaltens. Die Preiserwartungen haben zusätzlich einen verstärkenden Einfluss auf das Nachfrageverhalten, wenn mit sinkenden Preisen, also einer deflationären Entwicklung, gerechnet wird. Das gilt speziell für hochwertige Konsumgüter. Man kann sich an einem Gut wie einem Auto verdeutlichen. Falls jemand ein Auto kaufen will (nicht muss), wird er auf sinkende Preise setzen, und mit seiner Kaufentscheidung noch warten. Wer mit einem deutlichen Einkommensrückgang rechnet, wird zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls mit einem deutlich zurückhaltenden Nachfrageverhalten reagieren.

Öffentliche oder private Nachfrageimpulse?

Woher sollen die Nachfrageimpulse für ein V oder U kommen? Aus einer Staatsnachfrage, dem Rezept in der Vergangenheit häufig bemühten Rezept des Keynesianismus? Wer sich die Entwicklung der Steuer- und Abgabenquote, der Staatsschulden und der Staatsquote in Deutschland in den letzten 30 Jahren ansieht, kann sich eine eigene Vorstellung bilden, was die bevorzugte Politik sein könnte.

Es gibt auch einen komplett gegensätzlichen Ansatz: Der Staat könnte durch Steuersenkungen das Einkommen der Haushalte erhöhen und so die Nachfrage stimulieren. Die Nachfragebelebung käme dann aus der privaten Nachfrage. Je nach politischer Einstellung wird man die eine oder andere Lösung bevorzugen. Einigkeit wird darüber bestehen, dass sich die Wirksamkeit dieser Maßnahmen nicht kurzfristig einstellen wird.

In einem weiteren Artikel werden wir uns mit dem Thema des Gütermarktschocks aus Sicht der Unternehmen befassen.

Rückgang der Realwirtschaft und das Verhalten der Haushalte
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Steffen Egly

Steffen Egly

Steffen Egly arbeitet seit über 20 Jahren in der IT-Beratung, überwiegend mit fachlichem Schwerpunkt auf Versicherungs- und Bankthemen. Seine Betätigungsfelder sind Bestandsführung bei Versicherungen, Rechnungswesen, Provisionierung, Darlehen und Impairment.

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