Negativzinsen – ein Problem?

Realzinsen von 0%, oder auch ein klein wenig darunter können, nun schon länger beobachtet werden. Länger meint hier eine Dekade, oder auch die Zeit seit der Finanzkrise. Anleger und Privathaushalte haben diese Situation antizipiert, die Folge davon sind steigende Preise in Asset-Klassen wie Immobilien, Aktien und auch Edelmetallen

Entwicklung der Immobilienpreise in Deutschland von 2004 bis zum 1. Quartal 2021 Quelle: Statista

Entwicklung S&P 500 Index seit 2016

Quelle: finanzen.net

Nicht jede Korrelation weist auf eine Kausalität hin. Es gibt sicher mehr als eine Größe, die diesen Preisauftrieb erklären kann. Dass die niedrigen Zinsen keinerlei Einfluss auf diese Preissteigerungen haben, werden vermutlich nur sehr wenige Menschen behaupten.

2021 wird ein Jahr mit deutlich negativen Realzinsen. Neben einer deutlich anziehenden allgemeinen Preissteigerungsrate sind jetzt auch negative Nominalzinsen auf Guthaben zu beobachten, meist in Form von Gebühren. Welche Auswirkungen wird das haben?

In der ökonomischen Theorie werden folgende Funktionen des Geldes genannt:

  • Tausch- und Zahlungsmittel
  • Wertmessung / Rechnungseinheit
  • Wertaufbewahrung

In einem Inflations- und Negativzinsszenario verliert das Geld seine Funktion als Wertaufbewahrungsmittel. Das ist ein dramatischer Einschnitt. Man muss sich nur vergegenwärtigen, in wie vielen Bereichen neben der klassischer Ersparnisbildung diese Aufbewahrungsfunktion von zentraler Bedeutung ist:

  • In den Deckungsrückstellungen von langlaufenden Versicherungsverträgen, vor allem auch in der Krankenversicherung
  • In allen Formen der kapitalgedeckten Alterssicherung
  • In Instanthaltungsrücklagen von Immobilien

Der Autor ist sich nicht sicher, ob die Dimension dieses Themas in der Breite vollständig angekommen ist. Es geht um deutlich mehr als um den sichtbaren Effekt, dass man 0% Zins auf sein Sparguthaben bekommt und dann auch noch eine „Verwahrgebühr“ zahlen muss. Wer das Thema etwas höher hängen will, wird folgende Konsequenzen für sein Leben erkennen:

  • Man muss sehr lange gesund bleiben und ein Arbeitseinkommen erzielen
  • Man muss raus aus dem Geld und in Sachen investieren, die eine Wertaufbewahrungsfunktion haben
  • Es wird immer schwerer, finanziell unabhängig vom Staat und seinen Umverteilungssystemen zu werden, vor allem für risikoaverse Menschen

Der Wertverlust des Geldes macht auch die Flucht in den Konsum zu einer rationalen Entscheidung. Wäre es nicht sogar sinnvoll, in einer solchen Zeit Schulden zu machen, um zu konsumieren? Man muss ja ggf. sogar nominal weniger zurückzahlen, als man bekommen hat. Kann das funktionieren? Unter welchen Umständen würde man von jemandem Geld bekommen? Im privaten Bereich müsste man jemanden finden, der den zukünftigen Nutzen des Geldes sehr hoch bewertet, oder altruistisch ist. Für einen institutionellen Gläubiger wäre es nur rational Geld zu verleihen, wenn der Wertverlust des verliehenen Geldes geringer ist als der Wertverlust ohne Ausleihe.

Aber wo kommen langfristig die Mittel oder Guthaben her, die man verleihen könnte, wenn Sparen in Geld wegen der fehlenden Werthaltigkeit nicht mehr rational ist?  Darum soll es im nächsten Artikel gehen…

Negativzinsen – ein Problem?
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Steffen Egly

Steffen Egly arbeitet seit über 20 Jahren in der IT-Beratung, überwiegend mit fachlichem Schwerpunkt auf Versicherungs- und Bankthemen. Seine Betätigungsfelder sind Bestandsführung bei Versicherungen, Rechnungswesen, Provisionierung, Darlehen und Impairment.

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