Hilft eine expansive Geldpolitik?

In diesem Artikel soll es darum gehen, die Möglichkeiten und Wirkungsweisen der Maßnahmen der Staaten und der Zentralbanken zu analysieren. Dazu eignet sich das in der Makroökonomik gebräuchliche „is/lm-Modell“. In diesem Modell werden die Gütermarkt-Gleichgewichte (is-Kurve) und die Geldmarkt-Gleichgewichte (lm-Kurve) betrachtet.
 

Definition der is-Kurve:

Y = Volkeinkommen
C = Privater Konsum
I = Investitionen
G = Staatsverbrauch

Definition der lm-Kurve:

L= Geldnachfrage (Liquiditätspräferenz)
M=Nominale Geldmenge
P=Preisniveau

Expansive Geldpolitik im Basis-Modell:

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In einer perfekten Modellwelt kann eine Ausweitung der Geldmenge, symbolisiert durch die Verschiebung der lm-Kurve nach rechts, zu einem höheren Volkseinkommen führen. Die niedrigen Zinsen führen zu einem positiven Impuls auf die Gütermärkte, die is-Kurve verschiebt sich ebenfalls nach rechts, Zins und Volkseinkommen steigen. Das Schaubild suggeriert, dass man durch geeignete Geldpolitik das Volkseinkommen steigern kann, ohne dass sich der langfristige Zins ändert. Alles hängt davon ab, wie die is- und lm-Kurven verlaufen.

Expansive Geldpolitik in der Liquiditätsfalle

Wie sehen diese Kurven in der aktuellen Situation aus? Der Rückgang der Realwirtschaft führt zu einer Verschiebung der is-Kurve nach links. Die Ausweitung der Geldmenge durch die Zentralbank in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass die lm-Kurve sehr flach verläuft. Eine weitere Ausweitung der Geldmenge führt nicht mehr zu einem Anstieg des Einkommens.

Diese Situation wird als Liquiditätsfalle bezeichnet. Im Szenario der Liquiditätsfalle ist nur noch Fiskalpolitik wirksam. Auf diese Situation hat Mario Draghi am Ende seiner Amtszeit hingewiesen. Die europäischen Volkswirtschaften waren schon vor der Corona-Krise in der Liquiditätsfalle, die Situation in den USA ist ähnlich.

Der klassische Treiber für eine Inflation

Warum jetzt trotzdem sehr viel neues Geld geschaffen wird ist eine spannende Frage. Die Staaten nehmen neue Schulden auf, um Fiskalpolitik betreiben zu können. Die Zentralbanken kaufen die Staatsschuldtitel auf und schaffen so Geld. In der aktuellen Situation steht durch den Gütermarktschock einem reduzierten Gütervolumen eine expandierte Geldmenge gegenüber, der klassische Treiber für eine Inflation. Jetzt sind die fiskalpolitischen Maßnahmen zum Erfolg verdammt, damit das Volkseinkommen wieder steigen. Zudem muss die Zentralbank die Preisentwicklung beobachten, um eine Inflation zu verhindern oder abzuschwächen. Grundsätzlich hätte sie die Möglichkeiten. Sie könnte beispielsweise durch den Verkauf der Staatsschuldtitel der Volkswirtschaft die Liquidität wieder entziehen. Das ist zumindest theoretisch möglich, man sollte sich aber praktisch folgende Frage beantworten: Wer würde einen Staatsschuldtitel mit einer extrem langen Laufzeit und Zins von Null oder weniger kaufen, wenn die Wirtschaft wieder auf einem Wachstumspfad ist?

Soweit das Modell, das hoffentlich ein paar Einsichten in der aktuellen Situation liefert.

Wohin geht die Entwicklung insgesamt?

Die Banken werden sich mit dem Thema steigender Kreditverluste befassen müssen (Teil 1). Die private Nachfrage wird als Konjunkturtreiber eher nicht zur Verfügung stehen (Teil 2). Der Unternehmenssektor hat seine eigenen Herausforderungen, die niedrigen Zinsen und daraus resultierenden Fehlallokationen haben ihren Preis (Teil 3).

Wir befinden uns in einer Situation, in der nicht mehr viele Lösungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen bzw. die Lösungsmöglichkeiten in eine Richtung führen, die auch wieder mit erheblichen Verwerfungen behaftet sein werden. Der chinesische Fluch wird wahr, wir leben in spannenden Zeiten.

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Steffen Egly

Steffen Egly

Steffen Egly arbeitet seit über 20 Jahren in der IT-Beratung, überwiegend mit fachlichem Schwerpunkt auf Versicherungs- und Bankthemen. Seine Betätigungsfelder sind Bestandsführung bei Versicherungen, Rechnungswesen, Provisionierung, Darlehen und Impairment.

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