Gütermarktschock, Unternehmen und Finanzsektor

Teil 1 der Artikelserie beschäftigte sich mit den Auswirkungen des Gütermarktschocks auf den Finanzsektor, speziell auf die erwarteten Kreditverluste. Im zweiten Teil wurde die Fragestellung behandelt, wie sich das auf die privaten Haushalte auswirkt und welche Impulse aus der Nachfrage-Perspektive für eine Belebung der Wirtschaft zu erwarten sind. Dieser Artikel richtet den Blick auf die Unternehmen.

Gewinn, Erlös und Kosten als modellhafte Ankerpunkte der Krise

In der ökonomischen Theorie werden die Modellaussagen immer c.p. (ceteris paribus), also unter sonst gleichbleibenden Umständen, getroffen. Das bringt die Zunft der Ökonomen leicht in den Verdacht, mit Formeln Dinge auszudrücken, die einem auch der Hausverstand sagt. So ist es nicht überraschend, dass die Erlöse eines Unternehmens steigen, wenn die Preise der abgesetzten Güter, deren Mengen oder beides steigen.

In unserem Szenario des Gütermarktschocks haben wir den Umstand, dass die Erlöse sinken. Für Unternehmen wird es, je nach der Größe der Reserven, schwierig, wenn E < K ist und damit G < 0. Das Unternehmen muss sich in diesen Fällen anpassen und kann entweder die Arbeitskosten oder die Kapitalkosten senken.

Die Senkung der Arbeitskosten kann durch eine Senkung der Lohnkosten oder durch eine Reduktion des Arbeitseinsatzes erfolgen. Da die Lohnkosten an vertragliche und gesetzliche Grundlagen gekoppelt und dadurch nicht flexibel sind, läuft die Anpassung über den Arbeitseinsatz ab. Derzeit bietet die Kurzarbeit dazu eine Möglichkeit, was durch die aktuellen Zahlen von über 10 Millionen Kurzarbeitern eindrucksvoll belegt wird. Wie lange dieser Effekt „kurzfristig“ sein wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Demnach kann nicht ausgeschlossen werden, dass aus manchen Kurzarbeitern Arbeitslose werden.

Massive Auswirkungen des Zinsniveaus auf die Kapitalkosten

Die ökonomische Theorie definiert den Faktor r als die „rental costs of capital“. Diese beinhaltet nicht nur den Marktzins für die Kreditaufnahme, sondern auch die Opportunitätskosten für das im Unternehmen gebundene Kapital der Eigentümer. Seit der Finanzkrise 2008, die nahtlos in eine Staatsschuldenkrise überging, nähern sich die Zinsen der Nulllinie an, unter tatkräftiger Mithilfe der Zentralbanken. Auf Basis der Gleichung klingt das zunächst gut, je kleiner r ist, desto größer ist der Erlös. Ist das so?

Gesamtwirtschaftlich gesehen besitzen Niedrigzinsen viele negative Effekte. Der Gegenwartskonsum wird gegenüber dem Zukunftskonsum klar bevorzugt, der Anreiz zum Sparen ist klein. Geringe Ersparnisse bedeuten aber auch geringe Investitionen, oder bewirken Investitionen in wenig rentable Bereiche, was zu einer Fehlallokation von Investitionsmitteln führt und langfristig das Wachstum reduziert. Auch die Bildung von Blasen wird gefördert, wie man derzeit an den Immobilienpreisen sieht. Nicht zu unterschätzen ist zudem die umverteilende Wirkung in Richtung der reicheren Einkommensschichten.

Für Unternehmen, die Kredite vergeben, gibt es eine weitere Gefahr. Die Niedrigzinsen führen dazu, dass Unternehmen im Markt verbleiben, die ohne die Niedrigzinsen eigentlich nicht mal ihre Kapitalkosten erwirtschaften würden. Ein nur leichter Zinsanstieg würde diese Unternehmen direkt in die Insolvenz führen. Für diese Unternehmen wird umgangssprachlich häufig der Begriff „Zombies“ verwendet. Diese Zombieunternehmen bilden eine Schicksalsgemeinschaft mit den öffentlichen Haushalten, deren Aktionsmöglichkeiten, bedingt durch den hohen Bestand an Schulden, existenziell an niedrige Zinsen gebunden ist. Anders als die öffentliche Hand können diese Unternehmen aber keine Steuern erhöhen.

Finanzdienstleister im Handlungsdruck

Für Finanzdienstleister ist es daher essenziell zu erkennen, wie hoch das Kredit-Exposure bei Zombies ist. Der erste Schritt dazu ist allerdings, dass man die Zombies überhaupt erkennt. Im Anschluss daran kann man sich der Frage widmen, wie man die Kredite eines solchen Unternehmens restrukturiert, um das Exposure entsprechend kontrollieren zu können.

Gütermarktschock, Unternehmen und Finanzsektor
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Steffen Egly

Steffen Egly

Steffen Egly arbeitet seit über 20 Jahren in der IT-Beratung, überwiegend mit fachlichem Schwerpunkt auf Versicherungs- und Bankthemen. Seine Betätigungsfelder sind Bestandsführung bei Versicherungen, Rechnungswesen, Provisionierung, Darlehen und Impairment.

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