Der „Schwarze Schwan“ für Banken?

Vor allem im Internet beobachtet man eine deutliche Zunahme an düsteren Vorhersagen für die wirtschaftliche Entwicklung der näheren Zukunft. Welches Szenario man auch immer für das wahrscheinlichste halten mag, ein paar Dinge lassen sich schon als „gesetzt“ bezeichnen. Eines davon betrifft eine große Zahl unserer Kunden, die Banken. Für sie werden die nächsten Jahre sicher nicht einfacher. Als umsetzungsorientierte Beratungsgesellschaft ist es etwas vermessen, Megatrends auszurufen. Wir habe keine volkswirtschaftliche Abteilung oder ein vergleichbares Research-Center, allerdings haben viele unserer Mitarbeiter eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung. Die nachfolgenden Einschätzungen sind daher eher aus dem Blickwinkel von Praktikern und basieren auf konkreten Projektaufträgen und Kundengesprächen. Zuletzt ist auch subjektive Blickwinkel des Autors nicht zu vernachlässigen. Welche Themen werden die nächsten 5-10 Jahre im Finanzbereich prägen?

Aus Sicht des Autors ist es der sich fortsetzende und vermutlich noch verschärfende Trend des Ertragsrückgangs, vor allem bedingt durch immer kleinere Margen im Kreditgeschäft. Ein weiteres großes Thema ist die Etablierung von Negativzinsen. Welche Einflüsse hat das auf das gesamte Geschäftsmodell von Banken, auf ihre Rolle als Finanzintermediär, auf die Bilanzstrukturen, auf die Produkte und auf die Kunden?

Zu diesen Fragestellungen wird es im kommenden Halbjahr eine Serie von Publikationen geben. Diese sollen aus dem Blickwinkel des Finanzbereichs betrachtet werden. Es gibt drei bedeutende Einflussgrößen für die Analyse / Betrachtung der Entscheidungen und Handlungsoptionen:

  • Technologischer Fortschritt
  • Regulatorik
  • Politische Entscheidungen und Marktreaktionen

Nachfolgend werden diese Einflussgrößen näher analysiert. Beginnen wir mit dem technologischen Fortschritt. Die technischen Möglichkeiten, sehr große Datenmengen nutzen und verarbeiten zu können, haben sich deutlich verbessert. Dadurch eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten für Reporting und Steuerung. Im Gegenzug erhöhen sich aber auch die Anforderungen an die Verfügbarkeit und die Bereitstellungszeiten. Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Nutzung vorhandener Daten (z.B. Belege oder Cash-Flows) aus verschiedensten Systemen. Auf abstrakter Ebene geht es um die Zentralisierung und Normierung von Informationen und die Nutzung vorhandener Daten.

Regulatorische Anforderungen, kommende und zurückliegende, binden Kapazitäten und verursachen Aufwände. Selbst ohne anstehende neue Anforderungen hat die sehr hohe Taktung regulatorischer Themen der Vorjahre, wie beispielsweise IFRS9, viele Unternehmen vor die Entscheidung gestellt, technologisch wünschenswerte Lösungen zugunsten terminlich schneller zu realisierender Lösungen zurückzustellen. Hier entsteht der Bedarf, die oftmals mit hohem manuellem Aufwand zu betreibenden Sonderlösungen in eine einheitliche Architektur zu integrieren. Die dadurch möglichen Effizienzsteigerungen sind dringend erforderlich, um die Ertragssituation zu verbessern.

Ein großer Treiber für Veränderungen wird die Politik sein, bzw. die Reaktionen der Marktteilnehmer auf die politischen Rahmenbedingungen. Vollkommen unabhängig davon, wie man politisch zu den einzelnen Punkten steht, wird man nicht umhinkommen, die Folgen der politischen Entscheidungen strategisch zu berücksichtigen. Es sind im Wesentlichen zwei Punkte: Die Geldpolitik, die durch ihre expansive Ausrichtung zu massiven Zinssenkungen bis hin zum Negativzins geführt hat und die in vielen westlichen Ländern beobachtbare Tendenz zum Staatsinterventionismus bei der Bereitstellung von Investitionsmitteln.

Die nachfolgende Graphik der EZB illustriert den Effekt des gemeinsamen Anstiegs von Geldmenge und Staatsverschuldung.

Quelle: Pressemitteilung der EZB vom 25.06.2021

Diese Entwicklung hat erhebliche Auswirkungen auf die Produkte, die Margen und die Bilanz von Banken. Hier stellt sich vor allem die Frage, woher die künftigen Einlagen kommen werden. In einem Szenario langfristig niedriger Zinsen werden klassische Einlagen (Sichtguthaben) abnehmen. Diese könnten auf das der Funktion der Transaktionskasse entsprechende Minimum sinken, wenn die Funktion der Wertaufbewahrung des Geldes nicht mehr vorhanden ist. Das hat auch Auswirkungen auf die Rolle von Banken als Finanzintermediäre. Provokant gefragt: Werden die Banken in die Rolle des Vermittlers von politisch gewünschten Investitionsmitteln gedrängt, die die bisherigen Einlagen ablösen? Was bedeutet das für die Liquiditätsplanung, für die Bilanz? Mit welcher Geschwindigkeit werden diese Veränderungen eintreten? Ist das jetzt die disruptive Veränderung, von der seit Jahren gesprochen wird, der „Schwarze Schwan“?

Der „Schwarze Schwan“ für Banken?
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Steffen Egly

Steffen Egly

Steffen Egly arbeitet seit über 20 Jahren in der IT-Beratung, überwiegend mit fachlichem Schwerpunkt auf Versicherungs- und Bankthemen. Seine Betätigungsfelder sind Bestandsführung bei Versicherungen, Rechnungswesen, Provisionierung, Darlehen und Impairment.

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