Anstieg der erwarteten Kreditverluste

Seit dem Ölpreisschock 1973 und der Finanzkrise ab 2008 hat es keinen derartigen Rückgang der Realwirtschaft gegeben. Vermutlich ist die Situation sogar seit dem Ende des zweiten Weltkrieges ohne Beispiel. Wir beobachten einen kombinierten Nachfrage- und Angebotsschock auf den Gütermärkten, verbunden mit einem spürbaren Rückgang des Volkseinkommens. Das bleibt nicht ohne Effekt auf die Kreditmärkte, speziell auf die erwarteten Kreditverluste. Dieses Thema soll nachfolgend näher betrachtetet werden:

Anstieg der erwarteten Kreditverlust in Quartalsbetrachtung

Dieser Anstieg ist unausweichlich, wie man sich aus der Definition der erwarteten Kreditverluste herleiten kann. Der erwartete Kreditverlust (ECL) kann wie folgt definiert werden:


ECL: Erwarteter Kreditverlust
EAD: Buchwert der Kreditforderung
PD: Ausfallwahrscheinlichkeit
LGD: Verlustquote nach Verwertung der Sicherheiten

 
Sämtliche Parameter zur Ermittlung der erwarteten Kreditverluste sind >0 und entwickeln sich in dieselbe Richtung:

Diese Auswirkungen folgen zwingend der Modellierung. Nachfolgend finden Sie ein paar Überlegungen, welche die formalen Ergebnisse unterstützen:

EADs: Die Formel zeigt, dass die erwarteten Kreditverluste mit dem EAD steigen. Das ist nicht überraschend. Im Zusammenhang mit der Fragestellung der Auswirkungen des Gütermarktschocks ist zu erwarten, dass die EADs weniger stark sinken werden, was sich an der zunehmenden Zahl von Darlehensänderungen wie beispielsweise Tilgungsaussetzungen, Stundungen oder Prolongationen, sowie dem Rückgang von Sondertilgungen bemerkbar macht. Zusammen mit dem Anstieg der anderen Parameter wirkt sich also auch dieser Effekt entsprechend steigend aus.

PDs: Die PDs steigen definitiv durch den Gütermarktschock und durch die daraus resultierenden Effekte auf das Volkeinkommen. Ein Rückgang auf dem Gütermarkt führt zu sinkendem Einkommen und negativem Wachstum. Viele Modelle zur Bestimmung der PDs haben das BIP-Wachstum als Variable.

LGDs: Die LGD-Quote beschreibt den Teil des ausstehenden Forderungsbetrags, der nicht durch Sicherheiten gedeckt ist. Ein Gütermarkt-Schock und dessen Auswirkungen auf die Einkommen führt dazu, dass die Preise für Vermögensgegenstände und Immobilien sinken. Die Preise für die Sicherheiten können so stark sinken, dass die Sicherheitspuffer in den Bewertungen aufgebraucht werden und die LGD-Quoten steigen.

Erhöhter Druck zu weiteren Effizienzsteigerungen

Operativ macht sich der Rückgang der Realwirtschaft an vielen Stellen bemerkbar. So ist auf jeden Fall mit einem deutlich erhöhten Arbeitsanfall in der Darlehensverwaltung zu rechnen, ggf. auch bei der Verwertung der Sicherheiten. Auch der Einfluss auf die Ertragsseite ist nicht zu unterschätzen, sei es direkt durch Wertberichtigungen, oder indirekt durch die Erhöhung der Risikovorsorge. An dieser wichtigen Stelle gilt es anzusetzen. Denn die seit der Finanzkrise vorherrschende Niedrigzinspolitik hat die Margen der Finanzinstitute deutlich zurückgehen lassen. Das erhöht den Druck zu weiteren Effizienzsteigerungen, beispielsweise durch Optimierung der Arbeitsabläufe in den operativen Systemen. Durch die Größe des Schocks ist es aber nicht auszuschließen, dass eine Rückkopplung zu steuernden Systemen erforderlich wird.

Eine wesentliche Frage ist daher, ab wann operative Vorgaben, Bearbeitungen usw. einem „Steuerungsvorbehalt“ unterliegen und wie dieser umgesetzt werden kann. Die zweite Frage ist, wie das in den Arbeitsabläufen und den operativen Systemen optimiert werden kann. Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck an genau dieser Fragestellung, in enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Dabei wenden wir die Design-Thinking-Methode an, um schnell eine passgenaue Lösung bereitstellen zu können. Über aktuelle Entwicklungen halten wir Sie in diesem BLOG auf dem Laufenden.
 

Anstieg der erwarteten Kreditverluste
Steffen Egly

Steffen Egly

Steffen Egly arbeitet seit über 20 Jahren in der IT-Beratung, überwiegend mit fachlichem Schwerpunkt auf Versicherungs- und Bankthemen. Seine Betätigungsfelder sind Bestandsführung bei Versicherungen, Rechnungswesen, Provisionierung, Darlehen und Impairment.

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